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Tagebuch der Kriegstage 1943 bis 1945

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Bild: Kriegstagebuch:
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Tagebuch der Kriegstage 1943 bis 1945
von Alois Weitzl ergänzt von Adolf Wollinger und Franz Czejka

Für den Südmährer Alois Weitzl, Jahrgang 1926, gebürtig aus Kaschnitzfeld, dauerte die Reichsarbeitsdienstzeit vom 3.Oktober 1943 bis 6. April 1944. Seine Ausbildung erhielt er in Winkhausen im Hochsauerland und in Hagen in Westfalen. Die Rekrutenzeit bei der deutschen Wehrmacht begann er gemeinsam mit seinem Schulfreund Franz Czejka aus Mißlitz am 5. Mai 1944, sie endete am 25. August 1944 bei den Panzergrenadieren in Friedek Mistek bei Mäh-risch Ostrau. Dann ging es zum Fronteinsatz in die Slowakei. Um 8 Uhr am Abend verließen Weitzl und Czejka mit ihrer Einheit in Schützenpanzerwagen die Kaserne. Die erste Kompanie mit Oberleutnant Kramer, die zweite Kompanie mit Oberleutnant Bröxges, die dritte Kompanie bildete die Spitze des Bataillons. Um 3 Uhr in der Früh des 26. August überfuhren sie die Grenze des Protektorats zur Slowakei und erreichten die Ortschaft Puchov. Um 8 Uhr hieß es dann aufsitzen, nachdem Munition gefasst und die Fahrzeuge aufgetankt waren. Friedliche Slowakendörfer, die zum Teil geräumt waren, wurden durchfahren, ebenso Wälder und enge Passstraßen.
Der erste Einsatzbefehl am 30. August 1944 lautete: Eroberung der Stadt Zilina (Sillein). In Straßen- und Häuserkämpfen wurde die Stadt ohne größere Verluste eingenommen, Widerstand gab es kaum. Am Tag darauf wurden die Panzergrenadiere als Infanteristen eingesetzt. In den Wäldern um Strecno stießen sie auf starke Gegenwehr von Partisanen, sie wurden auf der Höhe 305 von ihnen eingeschlossen. Obwohl die Truppe von Oberleutnant Kriechling ver-lassen worden war, konnte sie sich durchkämpfen, es gab jedoch viele Tote und Vermisste zu beklagen. Nachts, müde von Kämpfen mit den Partisanen und dem Umschließungsring entronnen, erreichte die von ihrem Kompaniechef im Stich gelassene Einheit in den Abendstunden eine fast zerstörte Kirche. Czejka setze sich mit seinem Kremser Freund, der den Blasebalg betätigte, an die Orgel und spielte seine Kameraden in den Schlaf. Vom 31. August bis 5. September 1944 kämpfte die Kompanie am Vrutky-Pass. Die Stadt Vrutky wurde am 5. September erobert. Am 10. September ging es zurück nach Sillein in die Kaserne. Vom 15. bis 20. September wurde die Einheit, wieder als Panzergrenadiere, auf die Höhe 105 verlegt. Sie bekam als neuen Kompaniechef Leutnant Hieger. Unter seiner Führung wurde die Stadt Martin am 20. September erobert. Danach wurde die Kompanie als motorisierte Streife eingesetzt. Die Route, die zu befahren war Banska Bystrica, Martin, Rajec, Rajec-Teplice, Schloss Kunrad war ein von Partisanen durchsetztes Gebiet. Es kam laufend zu Übergriffen der Partisanen, die viele Tote und Verletzte forderten.

Am 21. Oktober 1944 wurde die Kompanie zur Sicherung der Höhe von Kremnitz abkommandiert. Die von Partisanen besetzten Städte Banska Bystrica (Altsohl) und Zvolen (Neusohl) wurden am 25. Oktober befreit. Am 1. November 1944 rief der damalige slowakische Staatspräsident Dr. Tiso zu einer Siegesparade auf dem Hauptplatz von Banska Bystrica auf. Er dankte den Soldaten der deutschen Wehrmacht für die rasche Niederwerfung der Bandenstreitkräfte und verlieh den Einheiten Auszeichnungen. An der Parade beteiligten sich das Regiment Ohlen und einige Einheiten der Waffen-SS. Vom 15. November bis 2. Dezember 1944 kam die Einheit zur Auffrischung nach Trnava (Türnau). Am 8. Dezember erhielten einige Soldaten, darunter Weitzl und Czejka, das Panzersturmabzeichen in Bronze. Vom 5. bis 22. Dezember gab es gefährliche Einsätze im Gebiet um Lomm, Detvar und Starahuta. Ein neuer Einsatzbefehl wurde am 22. Dezember 1944 in Richtung slowakisch-ungarische Grenze erteilt. Die Kompanie übernahm die Sicherung der Brücke von Tlmacl und die der Eisenbahnbrücke von Kosarovce. Die Gegner waren nicht mehr Partisanen, sondern sowjetische Einheiten. Um 10 Uhr vormittags wurde die Kompanie von russischen Einheiten, voran 25 T34-Panzer, angegriffen. Durch Sprengung der beiden Brücken gelang es, einer Einschließung durch die Russen zu entgehen. Am 25. Dezember 1944 hatte die Kompanie bei einem Spähtruppunternehmen der Russen Tote und Verletzte zu beklagen. Czejka entging knapp einem russischen Handgranatenangriff, indem er sich in letzter Sekunde in den Straßengraben warf. Am 26. Dezember 1944 griffen die Kompanien unter ihren Kommandanten Bröxges, Kramer und Hieger die Ortschaft Tlmace an, wo sich russische Infanterie- und Kavallerieverbände zu-sammengezogen hatten. Schon nach zwei Stunden erbitterten Kampfes war die Ortschaft in deutscher Hand und die Russen vertrieben. Bis zum 10. Februar 1945 war die Kompanie an der Front am Gran-Brückenkopf eingesetzt. Es tobte dort ein täglicher Kampf mit den Russen. Der Rückzug von diesem Frontabschnitt erfolgte nach neuem Einsatzbefehl über Nemcinany, Zlate Moravce nach Vrbove in der Nähe von Bra-tislava (Pressburg).
Am 23. März 1945 wurde die Kompanie verladen, über Bruck an der Leitha ging es an die un-garische Raab-Front. Dort hatten russische Kräfte die deutsche Abwehrfront aufgerissen. Mit der Unterstützung von Sturmgeschützen und Panzern konnte die Einheit den Ort Papa zurück erobern und den Durchbruch abriegeln. Am 27. März 1945 wurde das 10. Bataillon mit ihrem Hauptmann namens Hauptmann und dem ersten Schützenpanzerzug mit Leutnant Voggeneder zwischen Papa und Stein am Anger eingeschlossen. Am 28. März 1945, in den späten Abendstunden, sollte die Panzergrenadierdivision Tatra Einheiten der SS-Division Totenkopf, Division Feldherrnhalle≥ und Hitler-Jugend die im Kessel eingeschlossenen Verbände befreien. Durch den starken Druck der Roten Armee-Einheiten misslang jedoch dieser Versuch.
Am 29. März 1945, in den frühen Morgenstunden, bezogen die deutschen Kompanien die ausgebauten Stellungen vor der Stadt Sopron (Ödenburg) an der österreichisch-ungarischen Grenze. Im Laufe des Vormittags griff der Russe mit starken Panzerverbänden die deutschen Stellungen an. Ebenso waren Infanterie-Verbände der zweiten weißrussischen Armee zum Angriff übergegangen. Den Männern der deutschen Flak-Batterien war es zu verdanken, dass dieser Großangriff zunichte gemacht wurde. In den deutschen Einheiten entstand Munitionsmangel. Den russischen Truppen gelang es dadurch, die Deutschen bis nach Sopron zu treiben, wo sie bis zum 3. April eingeschlossen wurden.
Es gelang, den Einschließungsring zu durchbrechen und die schwachen Ortssicherungen der Russen zu übergehen, ein Teil der Deutschen konnte sich bis Klingenbach durchschlagen. Am 4. April 1945 erreichten die Reste der Kompanie nach langem Suchen und großen Strapazen erschöpft die versprengten Einheiten bei Winden und Frauenkirchen im Burgenland. Vom 5. bis 6. April 1945 leistete die Einheit noch vereinzelt Widerstand. Deutsche versuchten so rasch wie möglich die Donau zu überqueren, da die Russen bereits einige Wiener Bezirke eingenommen hatten. Deutsche Sprengkommandos sprengten die meisten Donaubrücken, einzig die Reichsbrücke in Kaisermühlen war noch benützbar. Diese lag aber schon im Feuer der russischen Artillerie. Der Rückzug der Einheit ging über Fischamend, Wien und Großen-zersdorf. Am 7. April kam sie nach Horn ins Waldviertel, wo sie als Rest der Panzergrenadierdivision Tatra der 6. Panzerdivision zugeteilt wurde und neue Fahrzeuge und Ausrüstungen erhielt. Am 9. April 1945 wurde der 19. Geburtstag Weitzls gefeiert. Einen Tag später gab es nachts um 3 Uhr Alarm, die Einheit wurde zur Sicherung der Reichsbrücke nach Kaisermühlen beordert. Bei den Häuser- und Straßenkämpfen um die Reichsbrücke gab es schwere Verluste an Menschen und Material. Bis zum 15. April 1945 konnte die Reichsbrücke gehalten werden. Die Menschenverluste wurden immer größer, die deutsche Einheit musste zurück weichen. Bei Kö-nigsbrunn und Schwalbach kam es zu einem Gefecht mit großen Verlusten. Wieder gab es Munitionsmangel. Die folgende Aufgabe bestand darin, die Rollbahn Laa an der Thaya Znaim zu sperren. Am 18. April 1945 erreichte die Einheit einen Ort in der Nähe von Zistersdorf. Es galt, die Öltürme von Zistersdorf zu sichern.

Dort überreichte Leutnant Hieger an Weitzl das Eiserne Kreuz 2. Klasse und an Czejka das EK 1. Klasse. Nachdem der Russe Panzer- und Artillerieverbände in Mistelbach und Poisdorf eingesetzt hatte und die Frontlinie durchbrochen war, lautete der Befehl: Rückzug in Richtung Statz. Dem Kompaniechef Hieger war es zu verdanken, dass die Einheit aus dieser Sackgasse entrinnen konnte.


Am 21. April 1945 nachmittags griff der Iwan im Schutz von Weingärten mit heftigem Maschinengewehrfeuer und vielen in Stellung gebrachten Panzerabwehrkanonen an. Hieger wurde am rechten Arm durch einen Splitter schwerst verwundet. Weitzl brachte ihn zum Hauptver-bandsplatz zurück und auch er erlitt durch einen Granatsplitter eine leichte Verwundung. Als Ersatz für den verletzten Kompaniechef wurde der Einheit ein unerfahrener junger Leutnant namens Moser zugeteilt. Am 22. April 1945 in der Nacht setzte sich die Einheit, aufgesessen auf Tigerpanzern, in Richtung Hanftal ab. Weil der verwundete Hieger aus Versehen das Kartenmaterial mitgenommen hatte und keiner im Besitze einer Karte war, Weitzl jedoch die Fahrroute gut kannte, musste er die Einheit zum neuen Standort Leipertitz einweisen. Dort wurde die Kompanie vollzählig gemeldet. Weitzl konnte sich über die Gewährung von sechs Stunden Urlaub freuen, den er in seinem Heimatort Kaschnitzfeld verbrachte. Abends ging es erneut weiter, weg von der Heimat nach Trebitsch. Um 20 Uhr griff die Einheit russische Kräfte in Rossitz an, es gelang ihr jedoch nicht, die Stadt im Straßenkampf zu erobern. Am 2. Mai wurde eine neue Auffangstelle in Sastovka (Segen Gottes) an den Waldhöhen bezogen. Die Tage verliefen jetzt ruhiger. Jeder merkte, dass der Krieg verloren war. Mit dem Fall von Berlin war es mit dem Kampfgeist der Truppe vorbei. Die meisten sahen ein, dass aller Einsatz, alle Opfer vergeblich gewesen waren. Es musste aber weiter gekämpft werden, da die SS jeden erschoss, der nicht mehr kämpfen und sich absetzen wollte. Der Russe bereitete sich auf den letzten großen Angriff vor. Am 7. Mai 1945 war der letzte große Kampftag des zweiten Weltkrieges. Um 11 Uhr mittags setzten auf einen Schlag russische Batterien, unter ihnen Stalinorgeln, ein Vernichtungsfeuer auf den Frontabschnitt. Munitionslager und Fahrzeuge wurden getroffen, die Ortschaft Sastovka glich einem Flammenmeer. Jeder versuchte, der roten Sturmflut zu entrinnen, nur wenigen gelang es. Der Tod hielt seine letzte große Ernte. Den nahen Wäldern war es zu verdanken, dass es einigen gelang, aus dieser Hölle zu entkommen. Abends um 22 Uhr erteilten die Kommandeure den deutschen Soldaten den Auftrag, sich nach Kralitz abzusetzen, um nicht in Gefangenschaft genommen zu werden. Da wurde klar, dass die russischen Flugblätter, die eine Kapitulation Deutschlands verbreiteten, der Wahrheit entsprachen. Somit war für die deutschen Soldaten der Dienst für das Vaterland zu Ende. Am 8. Mai 1945 stellte der Rest der 6. und 8. Armee die Kampfhandlungen ein. Es wurde nur so viel an Ausrüstung mitgenommen, um an die Demarkationslinie zu den Amerikanern zu gelangen. Die Amerikaner aber schickten die deutschen Soldaten in die russische Zone zurück. Sie wurden von den Russen entwaffnet und gefangen genommen. Unter russischer Bewachung ging der Marsch der Gefangenen nach Deutsch Brod. Hier endet der Bericht aus dem Tagebuch Weitzls.

Dramatische Flucht und Heimkehr
geschildert von Adolf Wollinger

Adolf Wollinger, Jahrgang 1928, aus Aschmeritz gebürtig, lernte am 18. April 1945 anlässlich der oben erwähnten Verleihung von Auszeichnungen, zu der auch seine Einheit auf einem Dorfplatz hinter der Front angetreten war, die zwei Kameraden aus Kaschnitzfeld und Mißlitz kennen. Beide waren etwas älter als er und er empfand sie als recht schneidig und kriegserfahren. Der Mißlitzer Czejka sollte später, nach dem 8. Mai, so etwas wie der Anführer einer kleinen Gruppe von fünf Mann werden, einer Gruppe, die mit allen Mitteln versuchen wollte, den Russen zu entkommen und die Heimat, die ja gar nicht so weit entfernt lag, zu erreichen. Zu-nächst allerdings wollte die Einheit nach der Kapitulation mit der Division geschlossen nach Westen durchbrechen, um sich dann in Böhmen den Amerikanern gefangen zu geben. Am 8. Mai 1945 abends, auf dem Markt- oder Dorfplatz eines tschechischen Ortes, hatte der Divisionskommandeur versprochen, alle in den rettenden Westen zu führen. Da die Einheiten noch gut motorisiert und auch mit Sprit noch einigermaßen gut versorgt waren, ging das Abrücken zügig vonstatten. Allerdings musste man bald feststellen, dass die nach Westen führenden Hauptstraßen von deutschen Truppen so verstopft waren, dass ein Weiterkommen fast unmöglich schien. Ein Versuch, über Felder usw. an eine weniger frequentierte nach Westen führende Straße zu gelangen, wurde durch plötzlich auftauchende russische Panzer zunichte gemacht, alles löste sich auf. Die drei Kameraden aus den südmährischen Ortschaften sowie ein weiterer aus Znaim und einer aus Krems versuchten es nun auf eigene Faust. Ein Kettenfahrzeug, das stehen geblieben war, wurde von den sachkundigen Panzerleuten wieder in Gang gesetzt. Weiße Leintücher kamen an die Seiten des Gefährts, Treibstoffkanister von anderen Fahrzeugen wurden gesammelt und ab ging es wieder in Richtung Westen. Ab und zu traf man nun, be-reits weit im böhmischen Gebiet, auch schon auf russische Truppen, die die kleine Gruppe von fünf Kameraden aber zunächst mit dem Strom der rückflutenden Deutschen ruhig nach Westen ziehen ließen. Dann aber, es mag schon vier Tage nach dem 8. Mai gewesen sein, hielt man die Gruppe auf. Vorerst, weil man das Fahrzeug zum Abschleppen eines liegen gebliebenen russischen Lasters brauchte. Dann, nachdem ihnen die Russen Uhren, Füllhalter, Ringe etc. abgenommen hatten, wurden die fünf Burschen aber auch gleich in einen Strom von deutschen Gefangenen eingereiht, der nun in die entgegen gesetzte Richtung, also nach Osten, marschierte und schon von Russen begleitet und bewacht wurde.
So gelangte die Gruppe nach langem Marsch auf einen Feldflughafen am Rande von Deutsch Brod, auf dem schon viele tausend deutsche Soldaten lagerten. Von da aus begann dann nach einiger Zeit der Abmarsch in Richtung Iglau und Brünn. Der Gefangenenzug, dem die Gruppe zugeteilt war, hatte 90 Hundertschaften. Jeweils einem Kameraden wurde morgens beim Abmarsch eine Tafel mit einer Nummer in die Hände gedrückt und 99 Mann mussten ihm folgen. Diese Ordnung löste sich aber immer nach kurzer Zeit auf, so dass dann der Zug ungeordnet und mehrere Kilometer lang dahinzog, links und rechts alle 80 bis 100 Meter flankiert von Rotarmisten.
Bevor die Kameraden geschnappt worden waren, hatten sie ihre Brotbeutel noch an einem deutschen Verpflegswagen gefüllt. Nun aber, da sie von den Russen kaum etwas bekamen, wurde die Ernährung trotz größter Sparsamkeit problematisch. Überall wurde nach Essbarem gesucht. Unterwegs in den Dörfern bat man manchmal die an der Straße stehenden Menschen um ein Stück Brot. Viel häufiger als eine Gabe gab es allerdings Tritte und Püffe. Am ehesten hatte noch Wollinger Erfolg. Wahrscheinlich sah er als Kind in Uniform wohl am erbarmungswürdigsten aus. Alles, was die Fünf hatten bzw. bekamen, wurde gesammelt und dann in winzigen Portionen gleichmäßig ausgegeben. Der Kamerad aus Krems, der aus Znaim und die drei Südmährer hielten sich immer beisammen und die Freunde waren pausenlos mit Überlegungen beschäftigt, wie sie den Russen doch noch entkommen könnten.
Jeden Tag näherten sie sich wieder ein Stück der Stadt Brünn, und die Aussicht, von dort zu entkommen, war sicher nicht mehr groß, wenn sie erst in Viehwaggons gepfercht nach Osten rollen würden. Der kleine Wollinger glaubte nach zwei misslungenen Versuchen überhaupt nicht mehr an eine Fluchtmöglichkeit und hatte sich gedanklich schon mehr oder weniger in sein Schicksal gefügt. Einmal waren die Fünf ungesehen von den Bewachern unterwegs in einen Durchlass gekrochen. Kurz darauf wurden sie aber in einem kleinen Wäldchen, das sie, nachdem der Zug vorbei war, erreichten, von tschechischen Partisanen, die da regelrecht Streifjagd machten, aufgegriffen. Zwei Stunden später waren die unglücklichen Flüchtlinge dem Gefangenenzug schon wieder einverleibt. Des Nachts lagerte man immer, von Posten umstellt, auf freiem Feld. Als die fünf Kameraden einmal, an einer Böschung entlang robbend, weg wollten, begann plötzlich eine Schießerei, von der sie gar nicht wussten, ob sie überhaupt ihnen galt. Sie zogen es aber doch vor, wieder umzukehren.
Am späten Nachmittag einer Tagesetappe kamen die Kameraden in ein großes Waldgebiet. Sie nahmen an, dass es etwa in der Gegend war, wo sie zuletzt im Einsatz waren. Kamerad Weitzl aus Kaschnitzfeld konnte sich plötzlich orientieren und sagte: Da bin ich öfter als Melder entlang gefahren, der Wald ist sehr groß, und wenn wir uns weiter hinten im Zug halten, wird es wohl Nacht werden, bis wir wieder offenes Feld zum Lagern erreichen! Die Fünf ließen sich al-so zurückfallen, suchten sich eine geeignete Stelle, eine Straßenkurve, aus, von wo der vordere Bewacher, wenn er erst ein Stück weiter war, nicht mehr zurück sehen konnte. Dann baten sie ein paar Kameraden, eine Gruppe und somit einen Sichtschutz vor dem nächsten Russen zu bilden, der Gott sei Dank kleinwüchsig war und ebenfalls müde unter den Landsern daher schlurfte. Auf das Kommando von Czejka sprangen die Fünf kurz vor der Kurve ins Gebüsch und legten sich nach einigen Metern flach auf den Boden, Unbeweglich liegend warteten sie auf das Ende des vorbei ziehenden Gefangenenzugs. Immer nervöser wurden wegen der stärker werdenden Dämmerung die Dawai-Rufe der Bewacher, bis sie schließlich in der Ferne verhallten.
Vorsichtig drangen die Flüchtenden weiter in den Wald ein, um zu beraten, wie es nun weiter gehen sollte. Als erstes holten sie vom Grund der Gasmaskenbüchse mit Mehl, das sie auf dem Flugplatz in Deutsch Brod organisiert hatten, einen Marschkompass heraus. Der sollte ihnen die Orientierung bei den nun folgenden Nachtmärschen nach Süden erleichtern. Beim Versuch, den Kompass vom Mehl zu säubern, fiel die Nadel zu Boden und war in der Dunkelheit trotz eifrigster Suche nicht mehr zu finden. Sie mussten sich nun nach dem Polarstern richten. Glücklicherweise war damals schönstes Frühlingswetter mit vollkommen klaren Nächten, was den Stern, den sie liebevoll unseren Stern nannten und den sie immer im Rücken haben mussten, immer sichtbar sein ließ. Zu Hilfe kam ihnen auch das Wissen Czejkas um die Natur, er konnte die Himmelsrichtungen auch am Moosbewuchs der Bäume feststellen.
Sie beschlossen, so weit wie möglich im Wald oder an den Waldrändern zu marschieren, niemals eine Straße zu benutzen und Gewässer nicht auf Brücken zu überqueren. Erst bei vollkommener Dunkelheit wollten sie losmarschieren und beim ersten hellen Schimmer im Osten wieder ein Tagesversteck, möglichst in einem Dickicht im Wald, aufsuchen. Drei Flüsse waren zu überqueren. Die Oslava, die Iglava und die Rokytna. Einer aus der Gruppe, es war Weitzl, konnte nicht schwimmen. Wollinger beherrschte, dank Schwemm hinterm Hof am Graben, eine Mischung aus so genanntem Hundstapper und einer Art Brustschwimmen, und die anderen drei waren gute Schwimmer. Diese drei erprobten jeweils das Gewässer und brachten die in Zeltplanen eingebundene Bekleidung hinüber. So blieben die Kameraden wenigstens von der Gürtellinie aufwärts trocken. Schuhe und Beinklei-der wurden ohnehin jede Nacht durch den Tau vollkommen durchnässt. Der Nichtschwimmer Weitzl wurde von zwei Mann hinübergeführt und mit Wollinger ging einer der guten Schwimmer mit. An der Oslava und Iglava konnten sie durchwaten. Da reichte ihnen das Wasser nur bis zum Bauch. Die Rokytna, eigentlich kein großer Fluss, erreichten sie zu Beginn des letzten Nachtmarsches. Scheinbar war irgendwo unterhalb eine Wehr, und sie kamen an einer recht breiten und tiefen Stelle an den Fluss. Hier wurde der des Schwimmens unkundige Weitzl einfach rüber gezerrt. Er hatte zwar rechte Schwierigkeiten mit dem Luftschnappen, erholte sich aber bald wieder. Neben Wollinger schwamm sicherheitshalber ein Zweiter mit.
Während des fünf Nächte dauernden Marsches gab es keinen Zwischenfall. Die Tschechen und Russen waren scheinbar mit dem pausenlosen Feiern des Sieges beschäftigt, denn des Öfteren war aus den Orten, an denen die Kameraden vorbei zogen, Gegröle, Singen und auch Musik zu hören. Mittlerweile war es Ende Mai und man unternahm anscheinend auch keine Streifjagden mehr auf versprengte deutsche Soldaten. Als die Fünf aber in der dritten Nacht die Igla-va überquerten und sich mit dem Rüberkommen doch recht lange aufhielten, kamen sie aus dem Auwaldstreifen ins freie Feld und schon nach kurzer Zeit brach der Tag an. Bis zum nächsten bewaldeten Höhenrücken waren es sicher noch drei Kilometer und sie wagten es nicht mehr, bei hellem Tag weiter zu gehen. Mitten in den Feldern gab es einen 5 bis 6 m breiten, mit Büschen bestandenen Graben und dort mussten sie sich ins Tagesversteck begeben. Zu ihrem Schreck kam irgendwann am Vormittag ein Bauer mit einem Pferd und begann, den Feldstreifen neben dem Grabenversteck zu pflügen. Immer näher kam er an den Grabenrand und die Flüchtenden sorgten sich sehr, entdeckt zu werden. Da die Glocken im 2 bis 3 Kilometer entfernten Dorf schon die Mittagszeit ankündigten, kam er beim Ziehen der letzten Furche ganz nahe an den Versteckten vorbei. Das Pferd schreckte auf. Regungslos lagen die Fünf mit Ästen getarnt unter ihren Zeltplanen. Vorsichtig lugten sie jedes Mal, wenn der Bauer, die Hände am Pflug, vorbei marschierte, nach oben. Plötzlich, nachdem er gerade wieder vorbei war und die Kameraden zunächst glaubten, wieder nicht entdeckt worden zu sein, rannte er, noch nicht am Ackerende angelangt, vor, hakte das Zugscheit des Pferdes aus und lief, so schnell ihn die Füße trugen, mit seinem Pferd zum Wagen. Anspannen und in Galopp Richtung Dorf fahren, war eins. Weil es schon hoher Mittag war, befand sich niemand mehr auf den Feldern, sodass die Kameraden ungesehen die deckungslose Strecke überwinden konnten. Als sie der gegenüber liegende Wald aufgenommen hatte, marschierten sie noch lange weiter, um vor etwaigen Verfolgern noch einen möglichst großen Vorsprung heraus zu holen. Im Morgengrauen der fünften Nacht kamen sie vorbei an der Ortschaft Kodau an das westliche Ende des Waldes, der sich nach Osten noch ein Stück über die Straße Mißlitz-Deutsch Knönitz hinzieht. Ohne Karte und Kompass hatten sie nach fünf Nachtmärschen genau die engere Heimat erreicht.
Hier musste sich Wollinger verabschieden, denn sein Weg führte nun nach Osten Richtung Aschmeritz. Nach der Trennung von den Kameraden auf einer Anhöhe von Mißlitz erreichte Wollinger unter vielen Mühen und Anstrengungen Aschmeritz. Als er in die Heimat zurück gekehrt war, bot diese, wie sich schnell herausstellen sollte, kaum mehr Schutz und Geborgenheit und wie alle wissen sollte sie für die Deutschen nur mehr eine Bleibe auf Zeit sein. Sie wurden von den Tschechen auf brutale Art vertrieben. Wollinger fand mit seiner Familie in Deutschland nächst Passau eine neue Heimat. Die vier verbliebenen Kameraden machten bei Czejkas Großeltern in Böhmdorf am Ortsrand von Mißlitz Station, eine lang ersehnte und willkommene Labestelle. Weitzl gelangte über Um-wege und ungesehen in seine Heimatgemeinde Kaschnitzfeld. Die Burschen aus Znaim und Krems wurden von Czejka mit Verpflegung und Landkarten ausgestattet und von ihm ein Teilstück in Richtung Znaim geleitet. Von ihnen hat niemand mehr etwas gehört, ob sie ihr Zuhause erreichten, oder ob sie heute noch am Leben sind, weiß niemand. Am 23. Mai wurde Weitzl von einem Verhör zum anderen geschleppt, eingesperrt und von den Tschechen am 26. Mai von jeglicher Schuld frei gesprochen. Vom 2. Juni 1945 bis zur Vertrei-bung musste er als Knecht auf dem geraubten Gutshof unter Tesarik Vladimir, dem früheren Knecht, hart arbeiten. Am 30. März 1946 mussten die Deutschen binnen zwei Stunden ihre Häuser und Höfe verlassen. Mit 50 kg Gepäck pro Kopf mussten sie auf der Straße ausharren, bis Fuhrwerke kamen und die deutschen Bewohner aus Kaschnitz ins Auffanglager nach Mißlitz brachten.
Am 9. April 1946 wurden sie dann mit Lastwagen zum Mißlitzer Bahnhof gefahren. Je 30 Personen wurden in Viehwaggons gesperrt und in eine ungewisse Zukunft nach Deutschland abgeschoben. Da Weitzls Vater krank war, kam die Familie erst mit dem letzten Transport zur Abschiebung nach Deutschland in die Augsburger Gegend.

Flucht aus der Gefangenschaft
geschildert von Franz Czejka

Nachdem sich Franz Czejka im Rathaus von Mißlitz, seiner ehemaligen Arbeitsstätte als Verwaltungslehrling, gemeldet hatte, wurde er sofort verhaftet und von Partisanen, darunter auch ehemaligen Schulfreunden, übel zugerichtet. Als kapitale Verbrechen wurden ihm die folgenden Dienste und Positionen, die er in der NS-Zeit ausgeübt hatte, angelastet: Nazi und HJ-Angehöriger, Gefreiter und Reserveoffiziersbewerber in der deutschen Wehrmacht, Träger von Kriegsauszeichnungen und anderes wurde ihm vorgehalten. In der Folge trieben die Tschechen auf entwürdigende Weise ihre Spielchen mit den deutschen Frauen und Männern. Zum Beispiel wurden alle Deutschen per Lautsprecher auf den Marktplatz von Mißlitz beordert und Czejka musste vor schaulustigem Tschechenpublikum Exerzierübungen befehligen. Er hatte dem KZ-Chef Serek, einen ehemaligen Knecht im Gutshof, der nun auch der Polizeichef von Mißlitz war, Meldungen mit dem Hitlergruß zu erstatten, die jedes Mal mit Schlägen und Beschimpfungen geahndet wurden. Czejka wurde ins Konzentrationslager eingeliefert, das im Schloss von Mißlitz eingerichtet worden war. Gemeinsam mit seinem Vater wurde Franz Czejka zu Zwangsarbeit als Dachdecker ohne Lohn verpflichtet. Des Öfteren wurde er auch nachts geholt, um Kohlen zu schaufeln oder sonstige Dreckarbeiten für Tschechen zu verrichten. Ein tschechischer Sportfreund erteilte Czejka bei einer Gelegenheit den vertraulichen Hinweis, dass er Ende September, Anfang Oktober für den Transport in ein Kohlen- oder Bleibergwerk vorgesehen sei. Daraufhin und noch am selben Tag und Abend ging Czejka von seinem Arbeitseinsatz nicht ins KZ zurück.
Allein und im Nachtmarsch, ausgerüstet mit Marschkompass und Karte, gelangte er über Joslowitz über die von Tschechen bewachte Grenze. Er schwamm wieder einmal über die Thaya und erreichte in Laa österreichischen Boden. Nachdem die Tschechen ihn zu Hause vermuteten, er dort aber nicht angetroffen wurde, verhafteten sie seinen Vater, den sie ebenfalls ins KZ lieferten. Vater Josef wurde in einem Gerichtsverfahren frei gesprochen, er kam viel später als seine Familie mit einem Transport nach Deutschland ins Frankenland, wo er seinen Lebensabend verbrachte.
Von Laa an der Thaya gelangte Franz Czejka mit dem Zug nach Wien, von dort mit einem LKW in die russische Besatzungszone nach Linz-Urfahr. Er arbeitete insgesamt 5 Jahre lang als Dachdecker am Wiederaufbau von Linz, im Jahr 1947 erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft. 1950 bewarb er sich um einen Posten bei der Linzer Berufsfeuerwehr und brachte es bis zur Führungsposition. Er hat seine Heimat demnach in Oberösterreich gefunden. Als Wollinger im Jahr 1996 sozusagen zum 51. Jahrestag des Kriegsendes im Südmährischen Heimatbrief seine Flucht aus russischer Gefangenschaft und seine Heimkehr schilderte, ahnte er nicht, dass dies ein Wiedersehen mit den Kameraden aus Kaschnitzfeld und Mißlitz nach sich ziehen würde, die mit Schneid und Umsicht diese Heimkehr überhaupt erst ermöglichten. Er konnte sich nach so vielen Jahren ja nicht einmal recht ihrer Schreibnamen entsinnen. Doch schon, als die erste Fortsetzung im Heimatbrief erschien, meldete sich Alois Weitzl. Als treuer Leser des Heimatbriefes fand er schnell heraus, dass in Wollingers Geschichte von ihm und von Franz Czejka berichtet wurde. Beim Klassentreffen der Mißlitzer des Jahrgangs 1926, das 1996 in Ottobeuren stattfand, konnten sie ein frohes Wiedersehen feiern und die recht abenteuerlichen Erlebnisse von damals noch einmal Revue passieren lassen.


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